
DIDI BRUCKMAYR - vocals Also
known as singer/frontman of the radical music/extreme body
performance-avantgarde band FUCKHEAD.
These pranksters really kick ass in the tradition of the viennise
actionists. If in doubt, just ask fans like The Jim Rose
Circus-Sideshow.
Links:SR-Archiv österreichischer Popularmusik, Fuckhead at SR
Interview: Versorger Sommer 96
Am 3. Mai gastierten FUCKHEAD/Linz und SCHLAUCH/Graz mit ihrem Event "duften drüsen" in der Stadtwerkstatt. Ein konzeptioneller Abend, bei dem der "menschliche erlebniskörper nicht nur via ohren, sondern auch über seine sämtlichen anderen erfahrungsorgane verwöhnt, entwöhnt und in handeln und behandeltwerden involviert" wurde. Didi Bruckmayr sprach mit uns über seine Arbeit als Performer, FUCKHEAD, Entertainment und Partykultur in Wien und Linz.
Ich hab mich eigentlich nie als Musiker empfunden. Ich hab zwar recht ambitioniert eine Zeitlang versucht, mich als Organist zu betätigen, aber eigentlich haben mich in der Musik immer eher die extravaganteren Leute interessiert, die mit sehr starken performativen Charakter. Z. B. dieses Chamäleonartige bei David Bowie. Der Umstand, daß es um keine Authentizität gegangen ist. Es war eine Art Eskapismus in der Musik, etwas darzustellen, was man im Alltagsleben nicht sein kann, Lebenswandel, der sozial deviant war, Drogen etc. Eine Projektionsfläche für Träume und Sehnsüchte, die sich Leute in ihrem Privatleben, Berufsleben nicht erfüllen können. () Bei den Punks hat mich die irrsinnige Aggression und die Körperlichkeit fasziniert, wobei das musikalisch nicht interessant war. Es war extrem intensiv und vor allem hat der Sänger als Frontmann für mich eine andere Funktion gehabt. Er war Animateur für Ausschreitungen im Publikum. Auch die Form des Tanzes war sehr außergewöhnlich. Dauernd fliegen Leute herum. Jeder hat sich ständig irgendwie leicht verletzt. Und oben trohnt der sogenannte Sänger, der gutturale Laute von sich gibt, gestikuliert und vielleicht ins Publikum sogar noch hineinspringt. () Ich war dann auch mit meiner Rolle als Musiker nicht zufrieden. Mich hat ja das meiste gelangweilt, was ich gesehen habe. Ein Konzert war für mich aber das Naheliegendste, wie man einmal auf eine Bühne kommt. Und dann ist immer mehr die Überlegung in den Vordergrund gerückt, daß es doch ganz spannend wäre, Dinge zu inszenieren, Brüche zu erzeugen. Jugendkulturen waren immer so authentisch, so "ehrlich". Ich wollte nie ehrlich sein. Ich wollte einfach Dinge machen, die ich mir, eingebunden in meine bürgerliche Lebenswelt, in Schulen, Studium, nicht erlauben hab können. Für mich war es Ausflucht. An gewisse Grenzen gehen und auch Dinge inszenieren, die wirklich Leute ärgern und verstören.
FUCKHEAD
Gerade das Projekt FUCKHEAD hat sich nie so sehr als Band begriffen. Wir haben mehrere Entwicklungsstufen gemacht. Angefangen mit gewissen Bühnenshows, die choreographiert worden sind, und wo Dinge eingebaut wurden, die nicht passend waren. Sprich: Leute, die nicht spielen konnten und die wir so quasi als die Frontperson vorgeschoben haben, die dann besonders peinlich war. Dazu eine Performance, die so immer hin und her wandert zu einer Darstellung zwischen dem, was der Hardcore so gekannt hat: Der aggressive Frontmann, die Musiker fetzen ordentlich weg.
Und das Ganze bricht sich dann z. B. an einchoreographierten Tanzschritten, Elemente aus dem Showbusiness wie sich Drehen, mit dem Hintern wackeln und dergleichen. Als nächstes haben wir dann riesige Löcher in den Shows eingebaut. Nach der dritten Nummer taucht die Band plötzlich im Publikum auf und die Leute wissen nicht, was los ist. () Mit Schnüren, die wir im Mund tragen, ausspucken, vom Partner aufnehmen, haben wir immer mehr angefangen das Publikum einzuwickeln, bis es die Leute umgehaut hat. Oder Beutelsysteme aufgehängt, angefüllt nach dem Zufallsprinzip mit Flüssigkeiten von Wasser bis Urin, wo wir dann durchrennen und dann platzen die nach der Reihe, was wir aber auch dem Publikum mitgeteilt haben.
Die Aufgabe ist, daß sich die Leute auch ein bisserl betroffen fühlen, daß sie nicht nur konsumieren, sondern auch in Bewegung bleiben müssen. () Einer der Grundansätze war: Extreme Musik, die sehr komplex ist, kombiniert mit Extrembewegung auf der Bühne, fast schon mit einem Overkill, Cuts wie man sie aus der modernen Videotechnik, MTV kennt. Das nächste waren diese Erbrechungsgeschichten, ins Gesicht kotzen, sich Anurinieren, das wieder runterfressen und schlecken etc. Wir haben dazu mit den Schnüren gehackelt, die wir dann auch verwendeten, um das Publikum einzuspinnen.
Sie so lange zu schlucken versucht, bis wir sie in den Magen hinuntergekriegt haben und meistens dabei extrem oft erbrochen. Eine Zeitlang ist ein Schwertschlucker mit uns aufgetreten, der als Bindeglied zur klassischen Zirkuskunst funktioniert hat. Das ist das, was auch meiner Person näher steht. Die wilderen Varianten der Sideshows, wie sie beim Zirkus immer wieder dabei sind: tätowierte Männer, Freaks, Schwertschlucker, Nagelfresser.
() Wir haben uns immer mehr gesteigert von diesem Agieren im Publikum, der Nacktheit, Körperflüssigkeiten, Exkremente und dgl. bis zum finalen Akt, wo die Penetration stattfindet. Natürlich nicht sexueller Natur. So etwas zeigen wir nicht, weil wir sagen, das belästigt wirklich Leute. Gerade Frauen. Und Frauen wollen wir nicht belästigen. Bei dem Ausmaß an sexueller Gewalt, die in der Gesellschaft gegenüber Frauen herrscht, muß ich nicht auch noch mitwirken. Sondern wir sprechen jetzt etwas an, was auf eine Art in der Popkultur und auch in der Kunst immer präsent war, Selbstverstümmelung etc., setzen das in einen anderen Kontext, bauen das quasi in eine Show, die von manchen als Rockshow begriffen wird, ein. Und das in einem Umfeld von einem Publikum, das sich sowieso als besonders abgebrüht versteht, machen das in gewissen Wiederholungen und dann ist Pause. Es wird also im Rahmen von Fuckhead so etwas nicht mehr geben. Mir ist auch etwas passiert. Ich habe mich verletzt dabei.
Und das sind Warnungen. Ich stelle den Körper nicht dem Publikum zur Verfügung, sondern der Körper stellt sich mir zur Verfügung. Wir sind eine Einheit. Wir kommuniziern auch viel miteinander und wenn man diese Dinge macht, da redet man mit sich selber. Ich verstehe meinen Körper auch als einen sehr ebenbürtigen Part meiner Persönlichkeit.
FREAKSHOW
() Was nachher kommen kann, ist, daß du es wirklich so weit treibst wie gewisse Leute, die es ja gegeben hat. Von Amputation bis zum Selbstmord. Ist nicht der Sinn der Sache. Wir verstehen uns als Showgruppe mit einem Ansatz von Entertainment, der vielleicht extrem sein mag, aber er hat seine Grenzen. Die sind dort, wo Leute sowohl physisch als auch in ihrer Integrität verletzt werden können. Es ist eine Form von Entertainment, und es hat auch einen gewissen non fiction Effekt. Wir sind eine Freakshow. Deshalb kann so etwas in einem Jugendkulturkontext und in einem Konzertkontext funktionieren.
Es ist uns immer zunächst um dem Raum gegangen, in dem wir gespielt haben. Um ein gewisses Maß an Provokation, weil wir weder zufrieden waren mit der Jugendkultur, aus der wir gekommen sind, noch mit den Verwaltenden der Jugendkultur. () Wenn wir in einem sehr dummen Rahmen – wie einem Vienna Sounds Fair – gespielt haben, wo das Publikum durch den Headliner eigentlich zu 40% ein sehr impertinentes war, haben wir das Haus dann auf eine Art territorial markiert, indem wir einfach unsere Exkremente hinterlassen haben, so primitiv das jetzt klingt. () Das ist von der Bühne heruntergekommen, von uns auf die in der ersten Reihe. Und das waren ganz besondere Menschen, von denen wir gewußt haben, daß sie da sind.
Die mußten sich damit konfrontieren. Das war so eine Art von hinterfotzigem Protestverhalten, aber eingebunden in ein sogenanntes Showpaket, das sich der Veranstalter mitgekauft hat. Markiert wurden ausschließlich und öffentlich die Bühnen im Rahmen der Shows durch Urin, Erbrochenes oder Farbe. Die Markierung war Verunglimpfung oder Beschädigung der Bühne als elitäre Arbeitsfläche oder Ort der künstlerischen Selbsterhöhung, sowie als funktionales Zentrum des Veranstaltungsgeländes und stellte in besonderen Fällen eine offene Reaktion auf das Fehlverhalten der örtlichen Veranstalter samt Crew, des Publikums und/oder der mitwirkenden Bands usw. dar. Zum genannten, konkreten Fall "Vienna Sounds Fair": Anlaß für das Hinunterkotzen von Schwertschlucker Arthur auf die im Publikum agierende Band und spezielle Personen im Publikum war das schlichtweg indiskutable Verhalten des deutschen Headliners samt versammeltem Fanclub im Rahmen der ansonsten gut vorbereiteten Veranstaltung: Schikanöses Verhalten des Hauptacts durch Störung des Soundchecks und Diebstahl von Teilen des Caterings, sowie gewalttätige Belästigung des interessierten Publikums durch
lokale Mitglieder des Fanclubs mündeten in einen spontanen, gezielten und effektiven Angriff auf besagte Personen. Ein weiterer Belastungstest war die Selbstverstümmelung, wie Sich-Aufhängen. Sagen wir, ein Signal an ein Publikum, das gerade in Wien sich immer schon begriffen hat als besonders abgebrüht, das gerade auch im Kunstkonsum sehr gerne die ganz krassen Sachen sehen wollte, bis zum Snuff Movie. Und da haben wir gesagt, ok, ihr könnt was wirklich Intensives erleben, hautnah. Das waren diese Geschichten mit Sich-Aufhängen und vorne die Stahlkabel durch die Brustmuskulatur.
Da sind Leute in Ohnmacht gefallen. () Mit großen, 5-6 mm dicken Kanülen ist das gesamte obere Gewebe im Brustbereich von einem Profi aus dem Fach durchbohrt worden. Dann wurden mit Kunststoff überzogene Stahlseile durchgezogen, mit Klemmen fixiert, und dann haben sie mich aufgehängt.
Das Ganze auf der Bühne. Das heißt, von dem, was Leute entweder nur immer als den Akt oder als Foto sehen, haben wir das Vorfeld gezeigt. Der Akt als solches war gar nicht mehr so wichtig. Er hat an mir 20 Minuten herumtun müssen, weil er die falschen Kanülen gehabt hat und der Körper nicht immer gleich reagiert. Das ist auch so eine Erfahrung, die man macht. Das heißt, Stränge am Gewebe, die normal sich immer so etwas gefallen lassen, verweigern plötzlich, und dann wird es pingelig. Es hat sehr lange gedauert, und da sind schon einige Leute umgefallen und einem Teil ist schlecht geworden. Das Ganze haben wir noch mit Musik kombiniert. Ziemliche Bässe. Und wie ich dann gehängt bin, hat es den Rest umgeprackt.Das harte Machohafte von Hardrockbands war immer unser erklärtes Ziel an Imitation. Wenn Männer auf der Bühne sind, kommen diese harten Posen sowieso, nicht nur weil du aus dem Bauch singen kannst und deswegen so dastehst () Ironisierung bzw. Persiflierung dieses Gehabes unter anderem durch sexuelle Ambivalenz oder Devianz und peinliche "Selbsterniedrigung". Die Auseinandersetzung mit den Machoposen der Rockmusik, insb. des Hardrock erfolgt im Wissen um die eigene Unfähigkeit, sich von diesen Posen als Mann völlig distanzieren zu können. Und dann das Erbrechen. und dgl., sich von allem abzuheben und zu entfernen, was nur irgendwie mit Kraft und Härte zu tun hat. Selbstdemütigung und Selbstbesudelung eigentlich. Was eh in unserem Kulturkreis sehr vertreten ist.
BELÄSTIGUNG UND GEWALT
Man wird auf eine Art eine Instanz im Guten wie im Schlechten. Man hat uns zum Beispiel unterstellt, daß wir ein Haufen schwule Schläger sind. Mit dem Vorwurf läßt sich ohne weiteres leben. Das war uns nicht so unrecht, wie daß Leute gemeint haben, daß wir vermutlich ja irgendwo im rechten Lager stehen () Es gibt in Wien eine gewisse Gruppierung um Journalisten, die sich auch aus der Kunstszenerie nährt, die eigentlich immer versucht hat, uns für Idioten zu verkaufen. Das hat uns weh getan, aber nicht so sehr, weil diese Leute uns verarscht haben. Mit dem kann man leben. Sondern daß man uns ins rechte Eck gestellt hat. Wir wollen absolut nicht mit politisch motivierter Gewalt in Verbindung gebracht werden. Noch dazu nicht, weil ich mein Geld verdient habe als Historiker in moderner Faschismusforschung. Und ich in meiner ganzen Biographie als Wissenschaftler oder Student und eigentlich auch als Angehöriger von gewissen Gruppierungen einer Geisteshaltung völlig am anderen Lager nahe stand. Diesen Vorwurf
können und wollen wir uns in keinster Weise aufgrund unserer Biographien, Weltbilder und Berufe bieten lassen.So sperrig wir sind, was wir so machen. Es soll nie um Belästigung gehen und Gewalt. Wenn sie thematisiert wird, gewinnt sie bei uns immer etwas Lächerliches. Es soll sich nie gegen das Publikum richten, soll nie heroisiert werden. Sollte es irgendwie irrtümlich passieren, ist es ein Ausdruck von unserer Unfähigkeit als Performer, aber absolut nicht Ausdruck irgendeiner Grundhaltung. So aggressiv wir auch wirken, wir sind alle sehr friedliche Menschen, in jeder Hinsicht. Das gilt für die Wipeout sowieso und auch für die Fuckhead. Genauso bei den Weltbildern. Für Parteien spielen wir nicht. Ich spiele sicherlich nichts, was sich als Wahlveranstaltung bezeichnet, wo Entertainment in den Dienst der Politik ganz massiv und vordergründig gestellt wird. Es gibt auch gewisse Bands, mit denen wir nie spielen werden, gewisse Häuser, in denen wir nie spielen werden. Wir sind nicht politisch radikal, wir sind eher Sozialdemokraten. Ich auf jeden Fall, der Rest ist vielleicht noch ein wenig weiter drüben im linken Eck.
SCHMERZEN?
Eigentlich keine. Nein. Da spielen so Momente mit, wie die Beobachtung, daß ich, scheinbar wie meine Mutter mit einem reduzierten Schmerzempfinden "gesegnet" bin. Dann fast eine lebenslange sehr starke Auseinandersetzung mit Grenzbereichen, die meistens durch Sport hervorgerufen werden. Langstreckenläufe und dergleichen. Das heißt, man gewinnt ein anderes Selbstverständnis für Belastungen, körperlicher und geistiger Natur. Es ist das einfache Prinzip: keine Angst, keine Schmerzen. Und die Show, die wir machen, verlangt die Anstrengungen, daß so viel Adrenalin im Körper ist, daß du dich in so eine Art Extase versetzen kannst, daß ich dann also wirklich keine Bedenken habe und auch keine Schmerzen. Was natürlich riskant wird, weil, wo du keine Schmerzen hast, setzt auch der geistig-körperliche Schutzeffekt aus und dann kommen die Verletzungen.
GUTBÜRGERLICH ESSEN
Jetzt werden wir einen anderen Weg gehen, weg von diesem Sensationalismus, weg von diesen harten blutrünstigen Stunts, die ja angefangen haben, ein sehr einschlägiges Publikum anzuziehen, das sich wirklich nur grimmige Dinge erwartet. Weg von dem Freakshow Charakter, zu, ich würde einmal sagen, Serviceleistungen. Durchdesignte Abende sowohl an Rahmen, Location, Musik, Gastronomie und allem drum und dran. () Wir bauen jetzt gerade Turngeräte. Zuerst war die Eisenkugel da von den PEST und jetzt das Rhönrad. Mit dem spielen wir uns gerade. Und Essen. Das hatte immer eine Bedeutung für uns. Essen als Akt der Begegnung, als sozialer Akt, als Akt des Zwangs. Kleine Kinder müssen immer essen. Das ist die Weiterentwicklung von dem, daß wir früher immer gespieben haben. Jetzt speiben wir weniger und essen mehr. Die Volksküche erhält bei uns durchaus diesen Zwangscharakter. Leute müssen streckenweise essen, werden zwangsverpflichtet, kriegen aber eh nur Suppe. () Wir haben da so diese gutbürgerlichen Varianten, mit denen wir uns jetzt gerade spielen. Das sind so unsere Experimente. Wir bedienen uns der bürgerlichen Stilmittel in bürgerlichem Rahmen vor bürgerlichem Publikum. Und dazu der Kontext der Jugendkultur mit Konzerten und aus der Kunst kommt die Performance. Gutbürgerliche Menschen aus einem gutbürgerlichen sozialen Umfeld, die es sich ein bisserl zu einem Lebensentwurf gemacht haben, diese Dinge zu machen. Und wir können davon irgendwie auch leben.
EINE ART SOZIALER UTOPIE
Diese ganzen Sachen sind eine Art von sozialer Utopie. Zum einen für dich privat: was kann ich mit meinem Leben machen, wo kann ich mich hinstellen in die Gesellschaft? Und zum anderen geht's auch drum, daß Leute miteinander alt werden über jahrelanges, jahrzehntelanges Arbeiten. Daß sich Systeme bilden, Subsysteme bilden, die auch, wenn sie sozial denken, sozial in Form von gerecht, gemeinsam alt werden können. Das heißt, sie müssen nicht Verteilungskriege anfangen, sie können alle gemeinsam sich weiterschupfen. Und es kann für jeden etwas überbleiben. Keiner wird berühmt werden, aber alle können überleben. Sogar dann, wenn es politisch vielleicht unangenehm wird. Und nicht sich um jeden verdammten Förderungsschilling streiten. Toleranz und freundschaftlicher Umgang sind Grundvoraussetzungen der gemeinten sozialen Utopie, die weniger auf Veränderung der gesamtgesellschaftlichen Umstände, als auf die Verbesserung der Bedingungen für jene im Bereich der Kunst und Kultur aktiven Personen abzielt, deren Verständnis von Kunst und Kultur sich nicht mit den Anschauungen des gegenwärtigen Kunstbetriebes und der Kulturverwaltung deckt. Die Möglichkeiten des Lebens, Überlebens und Arbeitens abseits des herrschenden, separat zu diskutierenden Systems von Kunstbetrieb und öffentlicher Kulturverwaltung bzw. Subventionierung werden wesentlich durch Solidarität und Kooperation verbessert. Und wenn sie sich aufregen, sollen sie es gleich tun. Aber nicht irgendwie abzocken, jeder vom anderen. Das ist eben arsch. Da sage ich ganz ehrlich, das ist arsch. Und ich erleb das einfach zuviel. Das ist wirklich ärgerlich. So wird alles abfucken.
VIER WÄNDE
Es sind sehr viele kreative Leute in Linz da, die man jetzt suchen muß, die nicht mehr so viel umananderlatschen wie früher. Die vor allem sehr lange arbeiten, die schätze ich, die viel länger arbeiten als ich, von denen ich erheblich lernen kann. Von denen man annehmen kann, daß sie jetzt schön langsam auch vorrücken in Strukturen, wo sie auch jetzt Handlungsfreiheit gewinnen. Das heißt, daß wir alle voneinander profitieren können, wenn wir daran interessiert sind. Ich merke, daß jetzt auch wieder Leute mehr kooperieren als früher. Es gibt eine Öffnung. Wieder mehr Leute arbeiten
zusammen und nicht nebeneinander. () Was mich verblüfft, das ist, daß in Linz die Kunsthochschule dermaßen schlapp ist. Die Kunststudenten sind in Wien sicherlich ein Faktor. () Das Bedürfnis, wenn man schon ins Private zurückgehen muß, wenn man es sich zum Beispiel nicht mehr leisten kann, daß man zuviel saufen geht, dann mach ich halt aus meinem Wohnzimmer einen witzigen Salon oder irgendwas, wo gesoffen wird und wo die Leute ihre Laufwerke dennoch aufstellen. Es gibt also wirklich eine Partykultur auch in Wien, wo Leute coole Flyer machen und wo nicht mehr als 40 Leute kommen brauchen zum Beispiel, weil die Wohnung eh zu klein ist. Wo das ganze durchaus öffentlichen Charakter hat, aber auch privat ist. Im privaten Raum nimmt die Öffentlichkeit Platz, es können auch Leute kommen, die nicht eingeladen sind. Und das gibt's in Linz nicht. Es gibt einfach keine Partys. Und schon gar nicht solche, wie es sie auch in Wien gibt. Keiner will in seinen eigenen vier Wänden irgendwelche Freunde haben in Linz ist mir aufgefallen. ... Den
Rückzug ins Private will ich ja nicht grundsätzlich kritisieren, auffällig ist jedoch in Linz die generell geringe Präsenz der Studenten und auch der Kunststudenten im öffentlichen kulturellen Leben der Stadt Linz. Interessant ist im Zusammenhang mit dem sehr vielfältig motivierten Rückzug ins Private das Phänomen der sog. public private spaces in Wien, nämlich die Umfunktionierung des eigenen, oftmals minimalen Wohnraumes nicht nur zur Partyfläche, sondern auch zur Galerie oder halböffentlichen Verwaltungsfläche künstlerischer Aktivitäten, wobei dem Entertainment immer große Bedeutung zukommt. Genannte Spaces sind wohl Konsequenz des Mangels an Geld, an Ausstellungsflächen und -möglichkeiten, sowie Alternative zur mittlerweile immer eintöniger werdenden Club- oder Lokalszene.