WIPEOUT Die Dekonstruktion der Discokugel Es ist wohl müßig zu erwähnen, daß WIPEOUT jene heimische Formation ist, der das Verdienst zukommt, scheinbar widersprüchliche Soundquellen und Stilmerkmale zu einem höchst originären Substrat zu verarbeiten. Ein Substrat, das eindrucksvoll zeigt, wie aktuelle Tanzmusik klingen könnte, wenn man in den Archiven der Populärkultur forscht ohne dabei den Groove aus den Augen zu verlieren. Mit "Saliva", ihrem - dieser Tage erscheinenden - dritten Album, setzen WIPEOUT ihre Expedition fort und fördern dabei ein reifes, in sich geschlossenes Werk zutage. Für den FREAK Anlaß genug, Didi Bruckmayr (Vocals) und Wolfgang "Fadi" Dorninger (Synths, Samples, Electronics) bei ihrem Reisebericht zu belauschen. Nach oftmaligem Durchhören eurer neuen CD haben sich wie auch bei eurer letzten wieder zwei Lieblingsstücke entwickelt. Bei "Swamps of Happiness" waren es "Romper Stomper" und "Second Hand Lover", bei der Neuen sind es für mich "I Sleep All Day" und "I'm No Longer Sorry". Ich finde, die zwei Stücke stellen in gewisser Weise zwei Extreme, zwei Punkte auf einer Skala dar, auf der sich die ganze CD bewegt. Würdet ihr dem zustimmen? Fadi: Gut getroffen, würde ich sagen. Das eine ist so die Grenze zum fast schon Kitsch, textlich natürlich nicht, aber musikalisch und vom Arrangement her. Und das andere ist: wie dunkel kann Musik sein, ohne daß sie düster ist und wie soulful kann sie trotzdem sein. Es ist eine gute Skala, auf der sich die Sachen bewegen, das stimmt schon. Didi: Aber sie haben schon Gemeinsamkeiten. Sie orientieren sich an diesem - was jetzt wieder modern ist - Electro, an diesem Post-New Wave. Jetzt sagt man im schlimmtsten Fall dazu Dark Wave. Der elektronische Unterbau und dazu diese getragenen Sequenzen, das macht die Nummern sogar sehr ähnlich. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Platte. Fadi: Was mir grundsätzlich bei dieser CD wichtig war, ist, daß sie sich zwar nicht maßgeblich aber sehr wesentlich von der vorigen unterscheidet. Es war nicht so, daß man sagen muß, sie ist schon so veraltet und man eine totale Korrektur machen muß und sich künstlich überlegen muß, wie man die Musik zeitgemäß macht. Sondern sie zeigt, wie wir drei in unterschiedlichen Segmenten leben und Musik erfahren. Man merkt z.B., daß der Neidhart viel experimentellen Dub hört, das kommt auch in seine Gitarrenarbeit hinein. Man merkt, daß wir viel tanzen gehen und einfach grundsätzlich auf Groove stehen usw. Das ist dann so ein Fundus, mit dem man arbeiten kann. Wie die CD dann fertig war, hat mich persönlich zufriedengestellt, daß diese Sachen einen wirklichen Fluß haben von der ersten bis zur letzten Nummer. Wenn wir uns das schon vorher so präzise überlegt hätten, wäre es ein Konzeptalbum geworden. Mit der Überschrift: außergewöhnliche Randerscheinungsphänomene musikalisch in konträren, verzerrten Situationen dargestellt. Das haben wir nicht gemacht, sondern wir haben einzelne Nummern gehabt, die wir am Anfang hineingetragen haben, Das ist auch das, was die CD spannend macht, daß sie sehr präzise arrangiert und produziert ist, aber irrsinnig viele Sachen erst im Studio auf den Punkt gebracht worden sind. Das ist eigentlich das klassische WIPEOUT-Prinzip, daß wir die Nummern sehr lange spielen und live ausprobieren, uns aber nie so richtig entscheiden, was die Nummer für eine Form kriegt. Bei "I Sleep All Day" z.B. ist eigentlich nicht viel verändert worden, wir haben sie nur gekürzt, und haben aber gewußt, daß der Schwerpunkt einfach sein muß, daß der Gesang sich voll entfalten kann, daß er Aroma kriegen kann. Ich finde, auf der ganzen CD gibt es nicht diese Spitzen wie sonst, wo es einmal hinauffetzt und dann geht es wieder herunter eine Zeit lang, sondern es ist ein Fluß da, der eine sehr kompakte Geschichte erzählt. Das haben wir bislang noch nicht zusammengebracht. Didi: Ein breiter Fluß mit sehr viel Treibholz. Was mir auffällt, ist, daß die Stimme noch weit variabler geworden ist, die Gesangstechniken eine größere Bandbreite erreicht haben und daß man auch aus der Musik darunter viel mehr Kleinarbeit herauslesen kann, als bei der letzten. Fadi: Wir haben verdammt hart gearbeitet. Es ist so, daß bei dieser Produktion der Neidhart, vom Gitarrespielen einmal abgesehen, so richtig in die Produktion hineingewachsen ist. Er hat im Studio einen sehr starken Arrangementanteil übernommen. Früher hat er sich einfach darum gekümmert, daß seine Gitarrensachen stimmen in der gesamten Arbeit. Dieses mal hat er irrsinnig viel Platz eingenommen und hat auch viele gute zusätzliche Bilder hineingebracht. Das heißt, wir sind dieses Mal eigentlich von der Ideenauswahl noch breiter geworden, um das ganze noch präziser zu schaffen. Wenn mehrere Leute sich konsequent den Kopf darüber zerbrechen, wie man eine Sache am besten auf den Punkt bringt und man da eine größere Auswahl hat, dann findet man auch den Punkt leichter. Emotional wissen wir ja wo der Punkt ist, nur du mußt ihn halt auch finden, und nicht immer nur den einfachsten Weg wählen, den gehst du ja schnell, nur dann ist es halt so, daß es schnell flach wird. Didi: Dieses Mal war eine einheitlichere Sprache vorhanden. Der Neidhart hat sich sehr stark mit dem Medium beschäftigt und dadurch sind die Verständigungsschwierigkeiten generell geringer geworden. Und der Prellinger (Anm.: Claus Prellinger war auch diesmal der Produzent) war auch besser eingestellt, auf das, was wir wollen. Wir haben ja in der letzten Zeit nicht viel mehr getan, außer elektronische Sachen zu hören oder tanzen zu gehen. Tanzen gehen ist generell nicht das Schlechteste, wenn man so etwas machen will. Liegt es nicht auch daran, daß sich der Neidhart mit seiner Gitarre eigentlich selbst wegrationalisiert und sich um eine neue Position in der Band umschauen muß? Didi: Das glaube ich auch. Auf eine Art ist er ja eine tragische Figur, weil er zwar als Bandmitglied wahrgenommen wird, aber irgendwie hält man ihn, glaube ich, ein wenig für eine Witzfigur. Er ist der Lustige, der da oben steht und irgendetwas macht, das aber eigentlich keiner wahrnimmt. Das bestätigt auch den Umstand, daß er als Gitarrist allgemein ignoriert wird und in keinem Gespräch steht, wie beim Hyperstrings-Festival zum Beispiel (Anm.: eine Konzertreihe, die Anfang Juli im Wiener Museumsquartier stattfand und sich zum Ziel gesetzt hatte, Zukunftsperspektiven der Gitarrenmusik zu thematisieren, dabei aber sowohl bzgl. Publikumsinteresse als auch der Auswahl der Akteure ihrem Anspruch ein wenig nachhinkte.) Fadi: Ich habe das auch zum Teil als Enttäuschung empfunden, daß er da nicht eingeladen wurde als österreichischer Vertreter. Von dem was da auf dem Beipackzettel gestanden ist, wäre er ein klassischer Protagonist für diese Veranstalltung gewesen. Ob er die Aufgabe gut bewältigt hätte oder nicht, wäre natürlich eine Frage der Vorbereitungszeit gewesen. Aber bei WIPEOUT ist die Sache grundsätzlich die, daß natürlich die Gitarre reduziert ist, obwohl der Neidhart zwar sehr weit im Klangbild geht und sehr viele Sachen eröffnet, aber trotzdem ist das limitiert. Im Grunde sind wir ja eine zeitgemäße Studio-DJ-Partie, die aber einen anderen Ansatzpunkt hat, der noch eher vom Song geprägt ist, so das croonermäßige Geschichtenerzählen und verschiedene Medien und Ausdrucksformen miteinander verknüpfen und zusammenführen. Das Ganze stoppeln wir aber dann nicht als Crossover zusammen, sondern wir versuchen einen lebendigen Organismus zu schaffen aus diesen Widersprüchlichkeiten, die im Grunde historisch keine sind. Es ist nur eine Zeit so ausgeholzt worden, denn du kriegst gewisse Modulationen halt nur mit der Gitarre zusammen, und die Gitarre ist im Techno verpönt gewesen. Jetzt hat man sich den 303 als Modulationsgerät für solche Emotionen reserviert. Der tut ja auch nichts anderes, denn dieses Pitchen hat eine sehr starke Gitarrennähe und auch diese Direktheit, die Gitarren haben. Wir haben den 303 aus dem Spiel gelassen und haben statt dessen eine Gitarre drinnen. Daß aber natürlich doch noch viel Gitarre drauf ist, die sich aber eben nicht wie eine Gitarre anhört, das ist die Geschichte von WIPEOUT an und für sich. Was beim Neidhart aber noch dazu kommt, der ja eigentlich gelernter Schlagzeuger ist und dann auf die Gitarre umgestiegen ist, ist, daß er immer geglaubt hat, mit anderen Gitarristen im Wettstreit zu stehen. Bis er sich einmal so emanzipiert hat, daß er sagt, meine Gitarre ist meine Gitarre und mein Sound ist mein Sound, das dauert seine Zeit. Ich glaube, jetzt hat er den Punkt überwunden und kann auch von der Gitarre in andere Bereiche hineingehen. Das ist ein Vorteil, der für die Band natürlich großartig ist. Und was den Gesang anbelangt, da haben wir, ohne am Sound etwas korrigieren zu müssen und ohne das Arrangement zu ändern, der Stimme so viele Entfaltungsmöglichkeiten gegeben, daß sie phasenweise ein Soundinstrument war und zum anderen ein Stimmungs-und Texttransport-Unit war. Der Didi, als Sänger hat natürlich immer den Wunsch, daß die Basis für den Gesang viel intensiver gelegt wird. Dann ist man natürlich weiter im Pop drinnen, was schön ist, nur im Grunde genommen bin ich nicht der Pop-Typ. Ich kann das natürlich nicht so weit vorantreiben. Habt ihr was den sogenannten Kitsch anbelangt, dem ja, wie Fadi schon gesagt hat, ein Stück wie "I Sleep All Day" sehr nahe kommt, eigentlich einen gemeinsamen Zugang? Fadi: Für mich ist Kitsch als Kulturthema nicht interessant. Didi: Definieren wir es anders, dann heißt es halt nicht Kitsch. Du hast diesen Westcoast-Sound daheim, Grateful Dead und Konsorten und die ganzen alten Blueser. Das heißt, es geht wahrscheinlich um so einen Ausdruck von Herzschmerz, den sämtliche musikalischen Spielarten intus haben. Es geht einfach um das Emotionale und bei mir ist das halt eher die Tradition der weißen Crooner, wo viele eher aus dem New Wave kommen, wie Billy Mackenzie (Anm: in den Achtzigern Sänger der Associates, die gemeinsam mit Bands wie ABC oder Human League britischen Synthie-Pop opulent neuinszenierten, heute nach zuunrecht unbeachteteten Soloversuchen in Vergessenheit geraten) und auch Yello und später sind die Soulsänger dazugekommen. Beim Fadi sind es halt eher die, die vorher noch waren. Fadi: Nein, das ist vielleicht ein schönes poetisches Bild für dich. Ich kenne Kitsch in dem Sinn nicht, es gibt einfach Platten, die mich sehr berühren, über Kitsch, aber ich sehe das grundsätzlich nicht als Thema für mich. Didi: Für mich stellt sich das so dar, wie ich deine plattensammlung sehe. Im Zusammenhang mit euch werden ja gelegentlich Bezeichnungen wie "Discokugel-Gossen-Glamour" herangezogen. Didi: Das ist eigentlich eine sehr interessante Metapher, die Discokugel. Obwohl ich mich in den letzten Jahren auch mit anderen Sachen beschäftigt habe, war das, was mich wirklich geprägt hat, abgesehen von Punkrock und gewissen anderen Sachen, dieser Jet-Set-Sound. Das war München, Giorgio Moroder und das war Ibiza-Disco, das hat mich wirklich beeindruckt, ganz ehrlich. Und auch die Form, das Auftreten des Entertainers. Den Disco-Ferdl als solchen halte ich eigentlich für einen der wesentlichen Entertainer des 20. Jahrhunderts. Der Discotänzer und - sänger, wie der Schwarze von Boney M., das war etwas durchaus Beeindruckendes für mich. Das Spannungsfeld zwischen einer Grace Jones, als Frau, die aber sehr maskulin gewirkt hat, einer Donna Summer und diesem Mann da von Boney M., das war sicherlich das, was mich von den Siebzigern massiv angesprochen hat. Auch das Auftreten in den Medien, die Darstellung des Ganzen. das habe ich also schon massiv verarbeitet. Ich habe das ganze halt ein wenig bastardisiert mit dieser aggressiven Körperlichkeit, die wieder aus einer ganz anderen musikalischen Richtung herkommt. aber dieses Dandyhafte, wie es auch die Briten im Northern Soul immer gehabt haben und dann auch im späten New Wave wieder verarbeitet haben, das ist total präsent meiner Ansicht nach in unserer Musik. Ich sage dazu immer Jet-Set-Sound, das ist Musik für Filme im Kopf, das sind Cabriolets, die an der Cote d'Azur entlangfahren mit lässigen Babes drinnen, so assoziiere ich das, wenn ich mir Billy Mackenzie anhöre. Das halte ich für eine wesentliche Inspiration für die Arbeit, die ich bei der Band mache. Fadi: Es ist so, daß dieser Beitrag natürlich vom Didi ausgeht. also ich denke ja gar nicht an Kitsch, wenn ich so etwas mache, das entwickelt sich weiter. Ich stelle ein Gerüst zur Verfügung und dann tragen die Kollegen den Rest bei und da gibt es halt einen sehr stark psychedelischen Anteil vom Herrn Neidhart und einen sehr starken Shouter-Anteil, möchte ich fast sagen, vom Herrn Bruckmayr. Bei der CD ist es ja sehr offensichtlich, daß wir viel mehr für den Gesang hin produziert haben. Bei der vorigen CD nicht, da haben wir versucht die kompakteste Form einer WIPEOUT-Nummer im Studio umzusetzen. Bei der neuen CD war mir im Grunde schon der Gesang das Wichtigste. Natürlich müssen die Sounds etc. stimmen, es müssen klare, vollziehbare Ideen sein und es müssen darin soviele Zutaten sein, die die Leute in immer wieder neuen Kombinationen entdecken können, das ist mir total wichtig. Ich will im Sound nicht G'schichten drinnen haben, die so massiv sind, daß man sagt Hey! Boahh! und nach dem zweiten Mal Hören ist es aus, sondern da muß einfach für 10, 15 Mal hören was zum Entdecken drinnen sein in den Schichtungen der Klänge. Dieses Mal haben wir eben geschaut, daß diese Schichtungen stimmen und der Gesang dem Ganzen die wirkliche G'schicht erst aufsetzt. Didi: Das ist das was alle Kommerzproduktionen eh machen. Wenn du dir die Fortsetzung des Ibiza-Sounds anschaust, den Eurobeat, Produktionen wie La Bouche, die bringen das auf den Punkt. Oder House ist ja auch nichts anderes. Das ist eine Art Tanzmusik, die auf eine Art sogar sehr spartanisch ist, extrem pointiert ist und wo der Gesang zwar auf eine Art marginalisiert ist, aber trotzdem im Vordergrund steht. Das hört sich jetzt wie ein Widerspruch an, ist aber keiner, weil das Grundgerüst wirklich extrem effizient ist, auch von der ganzen Klangstruktur her. Und die Stimme ist, sooft sie hineinkommt, extrem präsent und sie ist es auch, die den Hookline-Charakter ausmacht. Das ist in dem Fall die Aufgabe die mir obliegt und das, auf was wir hinproduzieren. Das macht es auch sehr luxuriös. Und wenn wir uns da etwas verirren, dann haben wir Leute, die uns bei gewissen Problemlösungen helfen. Der Karl Schmidinger, der Peter Androsch helfen dann mit Rat und Tat aus. Das verleiht manchen Dingen den letzten Schliff. Im Prinzip glaube ich, daß die CD eine Verdichtung ist von dem, was in der elektronischen Musik so präsent ist und dem, welche Tradition der Gesang in der modernen Musik haben kann. Für mich ist es sogar irgendwie eine elektronische Variante von Soul und Rhythm 'n' Blues. Fadi: Das kommt hin, ja. Ein starker Ansatzpunkt ist, so sehr auch immer Zeichen zu anderen Stilismen zu sehen sind, daß es uns gelungen ist, ein ziemlich eindeutiges, nicht zuordenbares Klangbild zu erzeugen, trotzdem aber nachvollziehbare Rhythmen zu verwenden. Die Sounds sind im Grunde genommen völlig weg von dem, was zeitgemäß ist, vom Euro-Trash, Dance, bis hin zu House oder Techno. Aber die Rhythmen haben Referenzen dazu. Das ist das, was WIPEOUT von der Musikspanne her machen. Ein anderer Faktor ist natürlich der Einsatz traditioneller Instrumente, wie Stimme und Gitarre. Das lässige ist, wenn du weißt, du hast einen Sänger, der eine Range hat, die irgendwo da anfängt und dort aufhört, und dazu noch unterschiedliche Couleurs fahren kann. ich spüre bei diesem Tonträger, daß sich unsere Vorstellungswelten immer klarer ausbilden. Ich brauche nicht mehr nachzudenken, was und wie mache ich etwas, sondern das ist in gewisser Weise so normal wie über die Straße zu gehen. Die Kriterien von Kommunikation unter Musikern haben bei uns ein sehr hohes Niveau erreicht. Didi: Wenn du eine größere stilistische Sicherheit hast, kannst du natürlich mehr an Details feilen. Das sind dann halt schon eher diese Alterswerke, darum vergleiche ich das immer wieder mit Soul. Wenn du sagst, es ist schon mehr ein Alterswerk, das sieht man vielleicht auch daran, daß die Platte eigentlich sehr zurückhaltend ist. Didi: Ja, auf eine Art ist sie sehr zurückhaltend, sehr ruhig. Sie ist kontemplativer, auf gewisse Dinge konzentriert, weil man den Rest eh schon gesehen hat und sich jetzt mehr mit Nuancen beschäftigt. Fadi: Früher hat man dazu Albummusik gesagt im Gegensatz zur Singlemusik. Didi: Ich habe auch durch die Theaterarbeiten gelernt, daß man mit einer Stimme anders umgehen kann, daß man sie facettenreicher machen kann und man Dinge auch aus einer anderen Perpektive betrachten muß. Man muß sich auch zurücknehmen können. Ich habe darüber eigentlich zum ersten Mal mehr nachgedacht. Da mußt du dann mehr zuschauen und bist dann natürlich auch weniger vordergründig. Ich kann mir vorstellen, daß diese Verhaltenheit nicht gerade auf Beifall stoßen wird bei gewissen Käuferschichten. Gerade dem jugendlichen Publikum, das wir ja genauso bedienen, wird dieses Vordergründige sehr abgehen. Die werden länger brauchen, um da hineinzufinden. Fadi: Na ja, bei den Livekonzerten ist eigentlich kein so großer Unterschied zwischen den alten und neuen Nummern. Und die Leute kaufen unsere Tonträger ja zum Großteil bei den Konzerten und in diesen Insiderläden. Man identifiziert ja mit uns schon gewisse Stimmungen, die sie selbst bei Konzerten erlebt haben. Wir haben ja den Vorteil, daß wir uns in Österreich im Großen und Ganzen so brav etabliert haben über das fleißige Spielen mit viel Einsatz und ganz gleich unter welchen Bedingungen. Wenn wir so weitermachen, könnten wir für Österreich so etwas wie ein Zillertaler Schürzenjäger-Phänomen werden, mit einer treuen Fangemeinde, die natürlich ungleich kleiner ist, aber so richtig treu ist. Sie brauchen halt, wenn sie unsere CD hören, vielleicht diesmal länger, es sind eben nicht solche Nummern oben wie "Romper Stomper", die schnell hineinpfeifen, aber wenn sie die CD 5 Mal hören, werden sie auch zum Konzert kommen und sie werden sich ihre Déjà-vus selber bauen. Didi: Unser Auftritt in diesem Bierzelt in der Steiermark hat eh bewiesen, daß wir von unserem Material und auch vom Auftreten her, auch ein sehr erwachsenes Publikum gut amüsieren können. So gesehen wären da ja noch gewisse Perspektiven vorhanden ... P.S.: Perspektiven sind auch für den nächsten FREAK vorhanden. Dort werden im zweiten Teil dieses Gespräches die beiden Herrschaften über Linz im besonderen, über Österreich im allgemeinen und über das Ausland im umfassendsten Sinne plaudern. "Den Disco-Ferdl als solchen halte ich eigentlich für einen der wesentlichen Entertainer des 20. Jahrhunderts." Didi Bruckmayr "Wenn wir so weitermachen, könnten wir für Österreich so etwas wie ein Zillertaler Schürzenjäger-Phänomen werden." Wolfgang "Fadi" Dorninger WIPEOUT Discokugelreflexionen, zweiter Teil Nachdem im ersten Teil dieses Interviews das exzellente aktuelle WIPEOUT-Werk "Saliva" einer näheren Betrachtung unterzogen wurde, kreisen die Gedanken Didi Bruckmayrs und Fadi Dorningers in der folgenden Fortsetzung um die alltäglichen Mühen und Plagen einer nicht alltäglichen Band: die Tristesse des heimischen Musikmarktes, der schwierige Schritt ins Ausland, vergebene Chancen und vorhandene Perspektiven. Als Tonbandwächter fungierte wiederum Andreas Hasch. Mein Eindruck ist, daß WIPEOUT in Österreich eigentlich von fast jedem der euch irgendwann einmal gehört hat, geschätzt werden. Ist das ein spezifisch österreichisches Phänomen oder läßt sich das zum Teil auch im Ausland feststellen. Kritiken eurer vorletzten CD "Swamps Of Happiness" in deutschen Magazinen waren ja nicht besonders euphorisch ... Didi: Die waren schlecht, ja. Ich bin bei der letzten Platte zu dem Schluß gelangt , daß der Szeneschmäh - weil man uns halt gekannt hat - schon maßgeblich dazu beigetragen hat, die Platte zu einem Erfolg werden zu lassen, der für das Ausland nicht sehr erklärbar war. Wir sind in Deutschland bei den Shows gut angekommen aber nicht bei Journalisten. Fadi: Ich sehe das Problem mit Deutschland so, daß dort wo wir spielen und das Publikum auf uns trifft, man sieht, daß das, was wir machen, ein Ganzes ist. Dort wo wir nicht spielen, glauben die Leute wegen der Vielschichtigkeit in der Musik und den Themen, die angerissen werden, daß wir ziemlich zynische, präpotente Arschlöcher sind, die irgendwo in einem Studio sitzen und sich über alles lustig machen. Und dadurch, daß die Deutschen grundsätzlich Probleme mit der Ironie haben, ist für uns der deutsche Markt sowieso der schwierigste. Didi: Wir machen zuviele Angebote, die wir scheinbar nicht einhalten. Der Sänger schaut aus wie ein Kinderfresser aber er singt wie eine Schwuchtel. Das taugt ihnen nicht, sie haben diese Ambivalenz nicht gern, das ist in den Kritiken immer wieder zum Ausdruck gekommen. Live kann man dieses Mißverständnis ausräumen. Dort wo wir gespielt haben, waren wir ja erfolgreich. Allerdings ist es uns bei der letzten Platte gar nicht mehr gelungen eine ganze Tournee zu spielen. Das Label hat da zu wenig getan, und die Versuche, die andere Agenturen getätigt haben, sind auch irgendwie im Sand verlaufen. Fadi: Diese Agenturen haben ja alle im Underground angeboten, obwohl das Produkt ja eigentlich nicht mehr Underground ist. Die Leute sagen dann: 'Warum geht's ihr nicht in eine Disco?' Das Problem ist, daß wir dazwischenliegen. WIPEOUT hat an der Oberfläche einen populären Touch, gleichzeitig sind wir von der Thematik her immer noch Underground. In dem kleinen Land Österreich läßt sich natürlich leicht überschauen, was haben die für eine Geschichte, was haben die für einen Weg hinter sich. Im Ausland hast du aber nicht diese Filter und Kanäle. Und dadurch, daß die Musikindustrie ja sowieso die Vorgaben verschärft hat und das Einkaufen bei Tourneen noch mehr zum Machtfaktor geworden ist, hast du auch nicht einmal die Chance, daß du da irgendwo mitrutschst, dich mitpräsentieren und erklären könntest, was mit deiner Kunst läuft. Du kannst dich nur auf der untersten Schiene einklinken und für die sind wir nicht attraktiv, weil dort gesagt wird: wir stehen auf Hardcore, wir stehen auf Cross-Over, auf Metal, und Hip Hop ist auch noch Underground, aber das, was ihr macht, sollt ihr eher im kommerziellen Bereich machen. Didi: Die sehen das zum Teil sogar als feindlich. Die sagen: wir haben dazu beigetragen, daß die Szenen so kaputt sind. Es kommen keine Leute mehr, weil alle auf Raves tanzen gehen. Und wir kommen mit der Geschichte und mit der Ästhetik - für meine Person - ja aus diesen aggressiven Jugendkulturen und verbraten aber dann Disco-Sound. Das ist für manche eine irre Provokation. Diese Ironie und Persiflage ist da nicht aufgegangen. Das heißt dann, daß wir die typische Schmuddelschiene im Ausland, damit man halt doch noch ein bisserl präsent ist, nicht fahren können. Dann wird die Luft natürlich dünner. Fadi: Dann fängt die Spirale an. Wie bist du präsent am Markt, wie schnell bist du im Laden usw.. Du kriegst das eine nicht, wenn du das andere nicht hast und du wirst das andere nicht kriegen, wenn du das eine nicht hast. Noch dazu wird ja alles großteils im telematischen Bereich abgehandelt. In Deutschland über Viva. Alle diese Bands die groß geworden sind, waren Viva-Bands, H-Blockx z. B., diese Machtfaktoren werden von der Industrie klar belegt und vorgegeben was die Ästhetik, was der Trend ist. Didi: Wir haben uns da dennoch auch einiges selbst zuzuschreiben. Wir und das Label haben es ein Jahr lang verabsäumt, ein Video zu drehen. Vom Musikprogramm wäre das durchaus spielbar gewesen. So weit haben wir es nicht geschafft, das war sicher eine kommerzielle Bankrotterklärung. Man muß schon wissen, was Video für das Geschäft bedeutet. Gibt es bezüglich Video jetzt weitere Pläne? Didi: Ja, da wird auf jeden Fall etwas passieren. Fadi: Sonst kannst du es sowieso bleiben lassen und auf die Geschichte warten, auf daß irgendmal etwas korrigiert wird. Nur da habe ich da nichts davon. Didi: Es muß etwas passieren, sonst hat es keinen Sinn. Ich denke, diese Angelegenheit ist in Österreich jetzt so groß, wie sie groß sein kann. Das bestätigen auch die Leute aus der Industrie, die sich das ohnehin mit Interesse anschauen. Du kannst in Österreich dann nur mehr schauen, daß du ein Regionalstar wirst und warten bist du absäufst, oder eben ins Ausland gehen. Früher haben wir geglaubt, daß wir das an ein deutsches Label (über Intercord - inzwischen von EMI gekauft - hatte die in Österreich bei CCP Rec. erschienene "Swamps Of Happiness" an und für sich einen weltweiten Vertrieb, Anm. d. Autors) delegieren können, nur hat das nicht funktioniert. Fadi: Es war so, daß beide Labels nicht den Mut oder das Geld aufgebracht haben, in ein gescheites Video und eine Tour zu investieren. Das sind heute einfach die ersten Faktoren, die entscheiden, ob du es nachher schaffst oder nicht. Du mußt zuerst einmal einen Fuß in ein anderes Marktsegment setzen. In Österreich reden wir ja die ganze Zeit über Musik als Undergroundphänomen. Es hat in Österreich ja nie etwas anderes gegeben. Es ist dann zwar immer der Hans Platzgumer (einige Jahre New York-Emigrant, früher u. a. H.P. Zinker, heute Mitglied der Goldenen Zitronen, Anm.) vorgeschoben worden, aber der ist im Grunde ja ein einziges Phänomen der Selbstausbeutung. Die Platten haben schlecht verkauft und sie haben sich halt auf Matratzenlager jahrelang durch die Szene gespielt. Weil sie professionell waren, haben sie sich zwar ein enormes musikalisches Repertoire erarbeitet .... Didi: ...aber ein schlechtes Bankkonto ... Fadi: Ansonsten rechnet man in Österreich bei den Verkaufszahlen ja in 500er Dimensionen, alles andere ist ja Lüge. Wenn man ganz erfolgreich ist vielleicht sogar 700 und 1000 ist dann schon der exzellente Wahnsinn. Aber es gibt keine Vorreiter auf dem Weg nach außen. Fetish 69 haben hart gearbeitet und eine gute Startposition gehabt, aber das alles hat nichts dazu beigetragen, daß man einmal von außen in die Szenen hineinleuchtet. Es sind auch Black Metal-Bands im Ausland erfolgreich, aber es gibt keine Agenten die hinausbuchen, es hat immer nur Einkaufspolitik gegeben, wenn man das Phänomen Falco wegläßt. Drahdiwaberl oder Wolferl Ambros, das sind alles Österreich-Phänomene, die höchstens noch bis zum Weißwurschtäquator gehen. Dadurch, daß es überhaupt keine Erfahrungswerte gibt, daß nie geschafft worden ist, im Ausland Interesse zu erzeugen und so einen Scheinwerfer hereinzukriegen, wird man im Ausland nicht registriert. Wenn aus Österreich 4 oder 5 interessante Sachen kommen würden, wie aus der Schweiz - Young Gods, Roli Mosimann, Yello etc. - dann kannst du einfach sagen: du kommst nicht wirklich aus einem Entwicklungsland. Aber Österreich ist eine so unglaublich weiße Fläche. Jetzt mit Pulsinger, Kruder & Dorfmeister wird es zwar besser, aber das sind Schienen, die wo anders hineingehen und für Aktivitäten, wie aus unserem Umfeld, auch wieder meilenweit weg. Ist der Dance-Bereich wirklich so weit weg von euch. Gibt es da nicht Kombinationsmöglichkeiten, etwa bezüglich der Veranstaltungsform? Es finden in einem Rave-Umfeld ja immer wieder Live-Acts statt. Didi: Es hat da schon Anfragen gegeben und wir haben das auch schon zweimal versucht. Ich glaube, das scheitert einfach daran, daß die Szene generell bergab geht und wir deshalb nicht stärker präsent sind. Man hat zwar einige Zeit geglaubt mit Experimenten den schwindenden Markt retten zu können, das gelingt aber auch nicht. Deshalb passiert zur Zeit gar nichts. Wir haben im Flex vor Boo Williams, der dann nicht gekommen ist, gespielt. Es war die gesamte Wiener Szene-Elite versammelt, da die Absage des Boo Williams bis kurz vor Showstart nicht bekannt war. Es hat dann zu erheblichen Protesten geführt, daß wir überhaupt aufgetreten sind. Es haben uns zwar Leute gesagt, daß sie das, was wir spielen, privat sehr gern mögen, allerdings geht es da eher um eine Art logisches Problem: Wenn die Menschen wieder im Vordergrund stehen und wieder Idole auf der Bühne stehen, dann ist ja einer der Grundgedanken des Techno ad absurdum geführt. Aber das ist wieder ein österreichisches, ein Wiener Problem. Tatsache ist aber auch, daß wir eigentlich kein rave-tauglicher Live-Act sind. Es fehlt der flow, der bei so einem Live-Act unbedingt dabei sein muß. Fadi: Wenn ich ein Rave-Veranstalter wäre, würde ich eine Band wie WIPEOUT nie buchen, weil wir nichts mit der Geschichte zu tun haben, auch wenn die Ästhetik und der Sound stimmt. Aber es gibt Performer und die sind der Tod dieser Szenerie. Didi: Aber die Go-Go-Bewegung z. B. zeigt doch wieder in diese Richtung. Es sind wieder die Animateure im Vordergrund, es gibt Leute wie Sven Väth. Es gibt ja Stars, die sich auch als solche auf der Bühne darstellen. Die gehen ja alle in diese Richtung, das ist das, was mich so dermaßen nervt. Diese Leute die da mit "Innovation" kommen, solche Kommerzprinzen, wie Cosmic Baby, die haben ihre Tänzer mit und plötzlich wird auf der Bühne schon wieder gesungen. Im Endeffekt werden diese Leute dort landen, wo Leute wie wir sind. Und wir sind dort, wo andere schon lange waren. Wir sind das, was man früher Synthie-Pop genannt hat, Depeche Mode und Konsorten. Wir haben sogar die gleiche Instrumentierung. Daß sich das nicht annähern kann, ist ein ganz sonderbares Phänomen. Vielleicht liegt es wirklich am Marketing, daß die Schubladen, in welche was einzuordnen ist, in jedem schon so verankert sind, sodaß sich die Szenen nicht treffen können. Das hat es auch im Hardcore gegeben. Wie diese Kerle gekommen sind, die plötzlich Saxophon zu spielen begonnen haben, da hat jeder gesagt: 'Das ist ja fantastisch, so innovativ!' In gleichem Maß haben die Jazzer begonnen Punk zu spielen und keiner hat dem anderen zugehört. Das Problem ist, daß jeder mit seinem eigenen Ding so viel zu tun hat und nicht mehr aufpaßt, was eigentlich passiert. Fadi: Was noch dazu kommt, ist, daß es in Österreich ja nicht einmal so ist, daß in diesen Zeitgeist-Postillen einmal interessante österreichische Phänomene ausgebreitet werden. Da wird immer irgendein englisches Pseudo-Phänomen importiert. Ich lese dauernd Sachen, wo ich mir denke, das könnte auch unter der Überschrift "WIPEOUT" stehen. Es hat in diesem Land ja nie einen Bruch gegeben und man gesagt hätte: Verdammt noch einmal, jetzt rezipieren wir einmal ganz anders. Didi: Die Medien beobachten zwar diese Leute, sie sehen aber, daß die nicht weiterkommen. Es ist dann natürlich nicht sehr zweckmäßig für die Attraktivität eines Magazins, daß sie diese sogenannten Loser featuren. Darum reflektieren sie nicht, und das tun sie aus einem guten Grund nicht. Weil einfach in den letzten 20 Jahren außer Falco nie jemand richtig herausgekommen ist. Und Pungent Stench hat man so lange übersehen, bis sie sich schon wieder aufgelöst haben, obwohl sie pro Platte 80.000 Stück weltweit verkauft haben. Die waren für alle Life-Style- Magazine generell indiskutabel. Ansonsten gibt den Magazinen jede Geschichte zum Thema Rockkultur in Österreich recht, daß sie sich nicht die Finger dreckig machen und dann der Chef kommt und sagt: Was soll denn das, irgendwelche Hinz und Kunz aus Donaustadt werden bei uns gefeatured? Man kann auch bei uns feststellen, daß wir so und so lange herumspielen und zweifelsohne in Österreich sehr erfolgreich sind, aber im Endeffekt gelingt uns der große Sprung nicht. Wir können uns vielleicht belobhudeln und sagen: wir sind originell und wir machen coole Sachen, aber was unterscheidet uns ex post z. B. von den Minisex, die im Volkshaus Kleinmünchen an einem Wochentag auch einmal 200 Zahlende gehabt haben. Im schlimmsten Fall werden wir genauso versumpern. Fadi: Gut, aber das zeigt ja wieder diese Kleinheit und dieses pragmatische Bild eines Kunstpessimismus. Didi: Man kann das Pferd natürlich auch vom Schwänzchen aufzäumen und sagen: Gut, wir verkaufen im Underground unsere 2.000 Stück, das soll uns erst einmal jemand nachmachen. Soviel verkauft der Ambros schon gar nicht mehr. Wir sind auch im Ausland unterwegs, zwar unter schlechtesten Bedingungen, aber immerhin. Andere sind das gar nicht. Und wenn uns jetzt die Life-Style-Magazine mehr featuren, dann wird die Industrie kommen und uns mehr Geld hinten hineinschieben. Es gibt bessere Werbung und jetzt verkaufen wir dann gleich 5.000. Man kann natürlich schon sagen: dadurch, daß dieser Kunstpessimismus herrscht, verweigern sich die Medien und wir können nicht auch noch ins letzte Hinterzimmer vortreten. Aber das ändert nichts am Grundproblem, daß Österreich zu klein ist. Da kritisiere ich noch eher die österreichische Plattenindustrie in ihrer weitgehenden Unfähigkeit.. Fadi: Das Hauptproblem ist, daß Musik in diesem Land nicht ernst genommen wird. Es ist auch nicht nötig für das Land. Die Plattenfirmen machen mit Volksmusik und der ausländischen Popmusik genug Geld, sodaß es ihnen völlig wurscht ist, was in diesem Segment passiert. Das einzige was ihnen vielleicht noch am Herzen liegt, ist der Austropop, weil man da doch noch ein bißchen was erreichen kann. Didi: Naja, nach Nirvana und dem Erfolg der H-Blockx hat es schon eine gewisse Transformation der Ansichten gegeben. Man hat versucht, nationale Pendants zu schaffen. Es haben viele Firmen jetzt doch einige Bands gesignt, aber als Außenstehender habe ich den Eindruck, daß da relativ unbeholfen vorgegangen wird. Das ist ein Ausdruck davon, daß die Industrie noch immer glaubt, daß sie den österreichischen Konsumenten verarschen kann. Leute, die sich wirklich leidenschaftlich mit Musik beschäftigen - und die meisten, die sich in diesem Segment Platten kaufen, tun das - werden für völlig verblödet verkauft. Wie kommen diese Leute in Wien auf die Idee, einem nachgewiesenermaßen sehr gebildeten Segment zwischen 15 und 25 etwas über Inhaltlichkeit und Geschichte von Bands zu erzählen, die ihnen vorgesetzt werden und auf einmal tauglich sein sollten für sie als Käufer. Aber das ist meistens nicht einmal so sehr ein Personalproblem in der Industrie, sondern die Leute haben einfach in den Strukturen keine Chance sich mit irgendwelchen österreichischen Bands zu etablieren. Das Interesse ist wahrscheinlich in den Gehirnen und Herzen derjenigen vorhanden, die damit befaßt sind, aber sie scheitern damit spätestens dann, wenn sie die Band vertragsreif bringen müssen und der Chef unterschreiben muß. Das glaube ich, ehrlich gesagt.